SEHNERV MEDIENKUNSTPREISE 2022

In der Kategorie VIDEOKUNST hat die Jury sieben herausragende Werke in die Shortlist 2022 gewählt. Sie werden im Rahmen der öffentichen Preisverleihung (10. Sept. 2022)  im Kino Rex in Bern präsentiert. In Kooperation mit videokunst.ch werden die Werke zusätzlich auch in einer Ausstellung im Zentrum PROGR in Bern sowie in den Videofenstern Bienzgut Bümpliz und Houdini Zürich gezeigt.


Shortlist Videokunst:

1.

«Arrest in Flight», Adrian Flury, 2021, 08:00

2.

«Lamb» (History always begins with you), Luka Cvetkovic, 2021, 10:00

3.

«Abstract in Disneyland», Dominik Stauch, 2022, 03:50

4.

«Zeitstrom», Michel Winterberg, 2022, 09:56

5.

«Cleaning Sappho», Martina Morger, 2021, 07:34

6.

«Screenshare», Timo Ullmann, 2021, 10:00

7.

«Deuil», Elena Bezzola, Jennifer Rocha Souza, Klaus Valentin, Anaïs Vautier, 2021, 01:46


Öffentliche Preisverleihung mit Präsentation der Shortlist

KINO REX BERN

Samstag, 10. September 2022

18.30 bis 20.30 Uhr

Eintritt frei


Zum Wettbewerb wurden insgesamt 57 Videoproduktionen eingereicht. Die Jurierung erfolgte in einem zweistufigen Verfahren. Im Fokus der Beurteilung standen die künstlerische Eigenständigkeit, die gesellschaftliche Relevanz sowie der unkonventionelle und innovative Umgang mit digitalen Medien. Die achtköpfige Jury setzte sich wie folgt zusammen: Carola Ertle, Ruth Gilgen, Günther Ketterer, Frantiček Klossner, Géraldine Krebs, Cinzia Marti, Michael Sutter, Claudia Waldner.


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«Arrest in Flight», Adrian Flury, 2021, 08:00

www.adrianflury.com

Das Experiment im Animationsfilm zaubert Bewegungsformen ans Licht, die von ihren Ursprüngen auf neue Gegenstände übertragen werden und diese auf bisher ungesehene Weise beleben. Unerwartete Qualitäten der Bewegung betreten die Bühne der Sichtbarkeit. Die Momente der Bewegung sind in Stop-Motion festgehalten, sie werden im Ablauf aber neu geordnet, erhalten einen neuen Ort in Zeit und im Raum und scheinen das bisher unreflektierte Raum-Zeit-Kontinuum neu zu erfinden.


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«Lamb» (History always begins with you), Luka Cvetkovic, 2021, 10:00

lukacvetkovic.com

Am 27. März 2021 machte der Performance-Künstler Luka Cvetkovic einen Spaziergang mit einem Lamm von Jarinje (ethnisch serbisches Dorf im Norden des Kosovo) nach Kachanik (ethnisch albanisches Dorf im Süden des Kosovo). Die Performance dauerte 7 Tage und endete nach 150 km mit der Übergabe des Lamms an einen kosovarischen Bauern, wo es bis heute weiterlebt. Die einzige Aufzeichnung der Reise war ein Video von einer Kamera, die am Lamm befestigt war.

Der Künstler beschloss, nicht über die Performance zu sprechen, nicht mit den Einheimischen zu reden, dem Lamm keinen Namen zu geben oder es zu vergegenständlichen; seine einzige Aufgabe bestand darin, sich um das Lamm zu kümmern, es zu beherbergen, ihm Nahrung und Wasser zu geben und es am Leben zu erhalten. Die Blickrichtung des Lamms bestimmte die Performance und schuf ein verselbständigtes Werk. Das Lamm wurde zum aufmerksamen Betrachter, zum stummen Künstler oder zur stummen Künstlerin. Die Hauptidee dahinter bestand darin, aus der Perspektive des Lamms eine unpolitische und eine unkorrumpierte Sichtweise in die Diskussion einzubringen und dadurch Empathien und Beziehungen zwischen dem Fremden und dem Vertrauten sowie zwischen dem Nicht-Verstehen und dem Verstehen des Anderen zu bilden.


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«Abstract in Disneyland», Dominik Stauch, 2022, 03:50

www.stau.ch

In seiner aktuellen Arbeit bringt der Künstler auf verschiedenen Ebenen Botschaften und Zitate an; Einerseits als Text des Sprechgesanges, welcher aus der Beatgeneration stammt. Dabei spielen politische Zitate zum Krieg in der Ukraine (the lion roars) auch eine wichtige Rolle. Die Aussage One small dick, acting like a prick (etwas ordinär ausgedrückt) kann sich nicht nur auf Putin beziehen, sondern gilt ganz allgemein, da sich die Geschichte immer wiederholt. Andererseits wird in musikalischer Form der östliche 9/8 Rhythmus benutzt, welcher zum Osten Europas und dessen Kulturerbe gehört. Zitate von Bob Dylan (a hard rain is about to fall, bezieht sich auf die Kubakrise 1963) und Jimmy Hendrix (a castle built in sand, diverse menschliche Schicksale werden im Song geschildert) sind zu finden, welche absolut zeitlos sind und unbestritten zu den grossen Legenden der Musikgeschichte zählen. Auf visueller Ebene bleibt sich Stauch treu und experimentiert weiter mit seriellen und konstruktiven Konzepten, also mit Farbe, Form, Linie und Raum. Er «malt» seine Arbeit in erweiterter Form (Video), hält sich dabei jedoch an seine gewohnten Farbtheorien. Auffallend ist, dass Stauch in seiner neusten Arbeit bewusst auf Quadrate als Bildform verzichtet hat. Schliesslich ist er nicht kleinkariert (square in Englisch), sondern weltoffen, liberal, tolerant und äusserst kreativ.


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«Zeitstrom», Michel Winterberg, 2022, 09:56

michelwinterberg.ch

«Zeitstrom» macht die Simultaneität menschlicher Lebensrealitäten sichtbar, die parallel im Strom der Zeit verlaufen. Jede einzelne dieser Realitäten ist bedeutend in sich, gleichzeitig aber auch komplett unbedeutend im Vielklang all der anderen Realitäten da draussen. Das Original-Video und Audiomaterial wurde vom Künstler 2014 in Delhi, Indien aufgenommen. Michel Winterberg bearbeitet das Video mit eigens programmierten Codes (Max MSP Jitter), um Glitches zu erzeugen, die eine weitere visuelle Ebene schaffen, ein belebtes digitales Gemälde.


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«Cleaning Sappho», Martina Morger, 2021, 07:34

www.martinamorger.com

Viele öffentliche Skulpturen sind in schlechtem Zustand und offensichtlich pflegebedürftig. Martina Morger tastet die Oberflächen solcher Skulpturen in einem Akt der Pflege und Reinigung ab. Im Mittelpunkt ihrer Performancereihe «Cleaning Her» stehen Skulpturen von Künstlerinnen. Indem sie mit der archetypischen Rolle des Wartungsarbeitenden spielt, die von der städtischen Gesellschaft meist unbemerkt bleiben, lenkt ihre Performance die Aufmerksamkeit auf unterbewertete Arbeit und vergessene Objekte. In diesem Fall reinigte Martina Morger die Sappho von Adelaide Pandiani Maraini, um die völlig vernachlässigte Skulptur zu beleuchten. Der Prozess der symbolischen Reinigung lässt sich am besten als geistige Arbeit und nicht als Wartungsarbeit beschreiben, da die Skulpturen dadurch weder repariert noch wiederbelebt wurden. Das Nachzeichnen der Objekte mit dem Tuch ist eine körperliche Erfahrung, die über das Visuelle hinausgeht. Die Interaktion mit jeder Skulptur ist höchst individuell und intim. Die Zeit und Sorgfalt, die den von Künstlerinnen geschaffenen Skulpturen bewusst gewidmet wurde, soll eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Objekte hervorrufen. Die Möglichkeit, sich auf diese Weise mit den öffentlichen Skulpturen auseinanderzusetzen, soll nicht auf die Künstlerin beschränkt bleiben, und so hat sie sich entschieden, eine Partitur zu veröffentlichen, die andere ermutigt, die Performance an einem Ort ihrer Wahl zu wiederholen.


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«Screenshare», Timo Ullmann, 2021, 10:00

timoullmann.com

In Zeiten von Lockdown, Homeoffice und Videokonferenzen teilte Timo Ullmann seinen Bildschirm. Während einem Atelieraufenthalt hat er seinen Computer in Berlin mit einem Computer Zuhause in der Schweiz verbunden. Über das Internet teilten sich die beiden Rechner einen Bildschirm, wodurch eine Rückkopplung entstand. Bilder und Töne wurden durch die kontinuierliche Übertragung verarbeitet und zirkulierten in der Feedbackschleife. Zu Beginn des Videos öffnen Hände einen Raum aus weissem Rauschen. Dieses Rauschen zerfällt allmählich in ein Moiré, einem Muster kreiert durch das rekursive System. Mit Hilfe eines Touchscreens zoomt der Künstler in das bestehende Bild hinein, verschiebt Ausschnitte, öffnet virtuelle Fenster und interagiert mit dem eigendynamischen Setup. Eine abstrakte Bildkomposition entsteht, die sich durch die Komprimierung und Latenz der Datenverarbeitung fortlaufend entwickelt und gleichzeitig selber zerstört. Auch die Klangkomposition beginnt mit weissem Rauschen, das in der Onlineschleife hängenbleibt und prozessiert wird. Parallel zum Bild entstehen digitale Artefakte und Störgeräusche, die übereinandergeschichtet werden und sich zu einer dichten, akustischen Sphäre entwickeln. In «Screenshare» wird die Materialität der Datenübertragung und der digitalen Technologie spürbar. Die Arbeit verweist somit auf einen «blinden Fleck» der normativen, glatten Benutzeroberflächen von Kommunikationssoftware und Betriebssystemen.


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«Deuil», Elena Bezzola, Jennifer Rocha Souza, Klaus Valentin, Anaïs Vautier, 2021, 01:46

Musée de la main UNIL-CHUV

Vier angehende Caregiverinnen und Caregiver (Studierende der Haute Ecole de la Santé La Source, Lausanne) haben für die Sonderausstellung «ART SOIN - Carte blanche for those who take care of us» im Musée de la main UNIL-CHUV ein eindrückliches Video zu den verschiedenen Phasen eines Trauerprozesses realisiert. Die Trauer von Erkrankten, von Angehörigen, von Sterbenden und von Hinterbliebenen, ist ein immer wiederkehrender und zentraler Aspekt im Berufsalltag von Pflegenden. Jeder Mensch verarbeitet diese Lebenserfahrung auf unterschiedliche Weise. Der Kurzfilm «Deuil» lädt dazu ein, sich mit diesen intensiven Gefühlsmomenten auseinanderzusetzen. Der Schock, die Verleugnung, die Wut, die tiefe Traurigkeit, die Resignation, die Akzeptanz und die Neuorientierung sind die sieben Phasen der Trauer, die im Video dargestellt werden. Die vierstimmige Kreation aus performativem Körperausdruck, Poetry Slam und Musik lässt uns tief in unser Inneres einzutauchen, wenn wir es zulassen. Das Werk der vier angehenden Caregiver*innen erinnert uns daran, wie überwältigend jede Phase der Trauer ist, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren.

«Tu n’es plus là où tu étais mais tu es partout là où je suis»   Victor Hugo

 

Film und Soundtrack: Valentin Klaus / Slam-Texte: Jennifer Rocha Souza

Körperlicher Ausdruck: Anaïs Vauthier / Slam-Gesang & Stimme: Eléna Bezzola

Ecole de la Santé La Source


SAFE THE DATE

Les sept vidéos de la shortlist 2022 seront présentées au cinéma Rex à Berne

dans le cadre de la cérémonie publique de remise des prix Sehnerv

Samedi 10 septembre 2022, de 18h30 à 20h30

Apéro riche / Entrée libre


Die SEHNERV MEDIENKUNSTPREISE werden ermöglicht durch die Mitglieder, die Gönnerinnen und Gönner des Vereins

sowie die grosszügige Unterstützung der Hans-Eugen und Margrit Stucki-Liechti Stiftung und der Katharina Wiedmer Stiftung.

Ihnen allen danken wir für die engagierte und tatkräftige Förderung von Künstlerinnen und Künstlern in der Schweiz.